Man spürt es sofort: Dieses Buch – Die Kunst des achtsamen Miteinanders – will nichts verkaufen, nichts bekehren – es will erinnern. Shoukei Matsumoto, ein junger buddhistischer Mönch aus Tokio, schreibt nicht über Religion, sondern über Haltung. Seine Botschaft: Das achtsame Miteinander beginnt im Kleinen – in der Art, wie wir unsere Umgebung behandeln, wie wir zuhören, wie wir uns selbst wahrnehmen.
Das Kloster, in dem Matsumoto lebt, ist nicht der Rückzug vor der Gesellschaft. Es ist ihr verdichtetes Abbild. Dort, wo Menschen auf engstem Raum leben, reinigen, kochen, schweigen und feiern, zeigt sich schnell, was Gemeinschaft trägt – und was sie zerstört. Diese Erfahrung hat Matsumoto in eine Frage gegossen, die das Buch wie ein Leitfaden durchzieht: Wie schaffen wir es, in einer Welt des Lärms wirklich miteinander zu leben?
Vom Putzlappen zur Weltanschauung
Wer Matsumoto kennt, erinnert sich an sein erstes Buch: A monk’s guide to a clean house and mind. Schon dort war das Putzen kein banaler Akt, sondern eine Schule des Geistes. Jetzt weitet er den Blick: Es geht nicht mehr nur um das reine Selbst, sondern um den Raum zwischen Menschen.
„Gemeinschaft“, schreibt Matsumoto, „ist kein Zustand, sondern eine Praxis.“ Es gibt in Klöstern keine Freiheit ohne Verantwortung. Jeder Handgriff, ob das Fegen des Tempelhofs oder das gemeinsame Essen, ist Teil eines stillen Abkommens: Wir nehmen Rücksicht, weil wir zusammen atmen.
Diese Haltung überträgt der Autor auf das moderne Leben. Ob in Familien, in Teams oder Nachbarschaften – überall, wo Menschen nebeneinander existieren, ohne sich wirklich zu begegnen, wünscht Matsumoto mehr Achtsamkeit. Das klingt zunächst nach Kalenderweisheit. Doch das Buch vermeidet falsche Süße. Es zeigt, dass Gemeinschaft auch Reibung bedeutet – dass echtes Miteinander erst dort beginnt, wo wir die Unbequemlichkeit des anderen aushalten, ohne zu urteilen.
Kein Prediger, sondern Pragmatiker
Matsumoto schreibt in Die Kunst des achtsamen Miteinanders ohne Weihrauch. Sein Stil ist klar, trocken, fast sachlich – wie ein Hausmeister des Herzens. Die Kapitel sind kurz, oft nur drei Seiten lang, gegliedert nach Alltagsthemen: Zuhören, Pflege, Essen, Konflikte, Stille. Jedes schließt mit einer Übung, die man sofort umsetzen kann.
Ein Beispiel: Der Autor empfiehlt, jeden Tag für eine Minute vollkommen zuzuhören – nicht zu kommentieren, nicht zu beraten, einfach präsent zu sein. Das klingt trivial, ist aber radikal in einer Zeit, in der wir im Gespräch meist nur auf unsere Antwort warten.
Matsumoto nennt das „praktizierte Präsenz“. Kein spirituelles Spektakel, sondern ein mentaler Muskel, der mit kleinen Wiederholungen wächst.
Zwischen Ost und West
Interessant ist, wie wenig „Buddhismus“ Die Kunst des achtsamen Miteinanders an der Oberfläche bietet. Shoukei Matsumoto erwähnt kaum Rituale, Sutras oder Götterfiguren. Der Buddhismus steht hier nur noch als Disziplin im Hintergrund – als Schule der Wahrnehmung. Das macht das Buch auch für westliche Leser lesbar, die mit Religion nichts anfangen können.
Denn Matsumoto predigt keinen Glauben, sondern gesunden Menschenverstand, geschärft durch Achtsamkeit. Wenn er schreibt, „ein sauberer Raum sei Ausdruck innerer Klarheit“, meint er das nicht mystisch. Er meint: Wer Ordnung um sich schafft, bereitet Boden für Gelassenheit – für sich und andere.
Vom Ich zum Wir
Das stärkste Kapitel in Die Kunst des achtsamen Miteinanders trägt den schlichten Titel „Miteinander“. Darin führt Matsumoto aus, wie ein Mönchsgemeinschaft mit Verantwortung umgeht: nicht autoritär, sondern rotierend. Jeder übernimmt Aufgaben: mal kochen, mal kehren, mal zuhören.
Übertragen auf den Berufsalltag zeigt das: Eine funktionierende Gruppe entsteht nicht durch Funktionsbeschreibungen, sondern durch das Verständnis, dass jeder gebraucht wird. Wenn wir begreifen, dass unser Tun Folgen für das Ganze hat, entsteht das, was Matsumoto „Gemeinschaftsbewusstsein“ nennt – die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel des Wir zu sehen.
Matsumotos leise Revolution
Die Kunst des achtsamen Miteinanders ist kein Wellnessbuch, kein weiterer Achtsamkeitstrend. Es ist eine Einladung, die Welt mit ruhigen Augen zu sehen – als ein Geflecht aus Beziehungen, das wir jeden Tag pflegen.
Wer von Religion nichts hält, wird dennoch finden, was zählt: Klare Gedanken, einfache Rituale, gesunde Prinzipien. Matsumoto zeigt, dass ein bewusst gelebtes Miteinander nicht Luxus, sondern Notwendigkeit ist – und dass der erste Schritt zu einer besseren Welt vielleicht ganz banal beginnt: mit dem Aufräumen des eigenen Geistes.
Die Kunst des achtsamen Miteinanders – Was wir von buddhistischen Mönchen über Gemeinschaft lernen können
Autor: Shoukei Matsumoto
Verlag: Knaur Balance, 2024
ISBN: 978-3-426-67866-2
Umfang: 224 Seiten
Originaltitel: A Monk’s Guide to a Clean, Healthy, and Mindful Life Together (Japan, 2023)
Leseprobe Die Kunst des achtsamen Miteinanders
Über den Autor
Shoukei Matsumoto, Jahrgang 1979, ist buddhistischer Mönch am Komyoji-Tempel in Tokio. Er studierte an der Universität Tokio und an der London School of Economics – eine seltene Kombination aus Klosterdisziplin und moderner Denkwelt. Matsumoto wurde international bekannt durch seinen Bestseller A Monk’s Guide to a Clean House and Mind, der in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Er gilt als eine der Stimmen, die alte Klosterweisheit in zeitgemäße Lebenspraxis übersetzten können: sachlich, humorvoll und ohne spirituelles Pathos. In seinen Büchern sucht er keine Gläubigen, sondern aufmerksame Menschen – solche, die das Leben nicht als Selbstoptimierungsprojekt verstehen, sondern als tägliche Übung im achtsamen Miteinander.
- Der studierte Wirtschaftswissenschaftler Shoukei Matsumoto kehrt in diesem Buch zurück zu seinen Wurzeln und zeigt, wie sich buddhistische...



