Ein Mann unterhält sich freundlich mit einer Frau: Nettsein und Freundlichkeit
KI erzeugtes Bild zum Thema Nettsein und Freundlichkeit

Die stille Macht der Freundlichkeit – und der leise Verrat des Nettseins

  • Beitrags-Kategorie:Bibliotherapie
  • Beitrag zuletzt geändert am:4. Dezember 2025
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Freundlichkeit ist eine der unterschätzten Kräfte unserer Zeit. Sie ist nicht laut, nicht fordernd, nicht taktierend. Sie wirkt, ohne Druck auszuüben. Ein freundlicher Mensch schafft Verbundenheit, Vertrauen und eine Art von menschlicher Resonanz, die in einer überbeschleunigten Welt fast wie ein Grundnahrungsmittel geworden ist. Freundlichkeit ist eine innere Entscheidung: präsent zu sein, zuzuhören, wahrzunehmen, ohne sofort zu bewerten.

Sie tut anderen gut – und uns selbst. Studien zeigen, dass freundliches Verhalten Stress reduziert, Beziehungen stabilisiert, das Sozialhormon Oxytocin erhöht und dadurch sogar körperliche Gesundheit fördert. Freundlichkeit ist also keine Zierde. Sie ist ein Lebensstil. Eine innere Haltung. Eine bewusste Art, die Welt zu berühren und sich von ihr berühren zu lassen.

Doch genau hier entsteht ein gefährlicher Nebel: Nettsein sieht auf den ersten Blick genauso aus, ist aber etwas völlig anderes. Nettsein ist nicht Ausdruck von Stärke, sondern oft ein Reflex. Ein Versuch, Harmonie zu erzwingen. Ein Ausweichmanöver vor Konflikten. Nettsein entspringt nicht der Freiheit, sondern der Angst, nicht gemocht zu werden, nicht dazuzugehören, etwas falsch zu machen.

Nettsein verschmilzt mit alten Rollenmustern: man will niemanden enttäuschen, niemanden belasten, sich niemandem entgegenstellen. Und der Preis ist hoch: Wer zu nett ist, verliert sich selbst.

Das ist die Schattenseite, die viele erst bemerken, wenn sie erschöpft, verletzt oder übergangen dastehen und sich fragen, warum Freundlichkeit plötzlich so weh tut. Dabei ist es nicht die Freundlichkeit, die schadet – sondern ihre Verwechslung mit Selbstverleugnung.

Diese Verwechslung ist der Kern des inneren Konflikts, den so viele Menschen erleben, ob in Beziehungen, im Beruf oder in sozialen Situationen. Wir wollen warm sein, aber nicht ausgenutzt. Wir wollen helfen, aber nicht ausgelaugt werden. Wir wollen Menschen sehen, ohne dabei uns selbst zu übersehen.

Genau diese Spannung – diese feine Grenzlinie zwischen freiwilliger Güte und unfreiwilliger Unterordnung – erklären zwei Bücher auf vollkommen unterschiedliche Weise. Sie spiegeln beide Seiten menschlicher Freundlichkeit: einmal als gelebte, starke Haltung, einmal als psychologisch riskante Überanpassung. Und sie zeigen, warum Authentizität nur entstehen kann, wenn wir beides durchschauen.


Die feine Sprache der Freundlichkeit: Warum Klarheit wärmer wirkt als Nettigkeit

Freundlichkeit als bewusste, kraftvolle Haltung

Dieses Buch verbindet Warmherzigkeit mit Klarheit. Freundlichkeit ist hier kein niceness-overload, kein gefälliges Lächeln, kein Rückzugsmanöver vor Konflikten. Freundlichkeit wird zur Kompetenz: zu einem aktiven, gestaltenden Verhalten, das Beziehungen stärkt, Gespräche erleichtert und soziale Räume heller macht.

Borbonus zeigt, wie Präzision in der Sprache, respektvolle Gesten, Präsenz und aufrichtige Komplimente zu einem sozialen Klima führen, das Verbindung schafft. Der freundliche Mensch tritt nicht klein auf – er tritt selbstbewusst auf. Er begegnet anderen nicht aus Bedürftigkeit, sondern mit Haltung.

Was das Buch besonders hilfreich macht

Es übersetzt Freundlichkeit in konkrete, alltagstaugliche Schritte. Für Menschen, die viel kommunizieren, beraten, begleiten oder in komplexen sozialen Situationen stehen, liefert es Orientierung und Tools. Freundlichkeit wird dadurch greifbar, übungstauglich, entwickelbar.

Wo der Ansatz an Grenzen stößt

Das Buch ist ein Plädoyer für die Kraft positiver Begegnung. Doch es berücksichtigt kaum die Realität, dass manche Beziehungen asymmetrisch, toxisch oder ausnutzend sind. Wer zu stark gibt, ohne die eigenen Grenzen zu kennen, findet hier viel Inspiration – aber wenig Schutz.

Über die Kunst, ein freundlicher Mensch zu sein: 95 einfache Wege, um Respekt, Zuneigung und Wohlwollen in die Welt zu tragen

von René Borbonus
Ullstein Verlag, 2024
ISBN 3430211247
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Leseprobe Über die Kunst, ein freundlicher Mensch zu sein


Der Preis der Harmonie und warum Nettsein nicht genügt

Die psychologische Anatomie des Nettseins

Lelord legt die Mechanismen offen, die Menschen in die klassische Nettigkeitsfalle führen. Er zeigt, wie Bescheidenheit, übertriebene Aufrichtigkeit, Naivität, Nachgiebigkeit, Vertrauensseligkeit und übermäßiges Mitgefühl zu Mustern werden, die das eigene Leben sabotieren. Nettsein erscheint nicht als Fehler, sondern als erlernte Überlebensstrategie – oft aus Kindheit oder Beziehungserfahrungen heraus.

In Fallbeispielen und Analysen beschreibt Lelord, wie freundlich gemeinte Anpassung zu Enttäuschung, Überforderung oder Ausbeutung führt. Seine Figuren wirken vertraut: Menschen, die zu viel geben, zu schnell glauben, zu selten Nein sagen, zu wenig für sich einstehen.

Der Nutzen des Buches

Es hilft, alte Muster zu erkennen, zu entwirren und schließlich zu verändern. Besonders wertvoll sind die Übungen: Sie stärken Selbstbehauptung, Grenzziehung und die Fähigkeit, sich freundlich, aber bestimmt zu schützen.

Lelord zeigt: Ein wirklich freundlicher Mensch braucht Grenzen – nicht als Mauern, sondern als Orientierung.

Die Grenzen des Ansatzes

Lelord arbeitet analytisch, manchmal schonungslos. Was er liefert, ist Selbstschutz. Was er weniger liefert, ist die positive Vision von Freundlichkeit als gestaltbare Kraft. Sein Blick ist therapeutisch – und dadurch oft strenger, enger, aber auch notwendiger.

Bin ich zu nett? Ein Glücksratgeber für freundliche Menschen in einer unfreundlichen Welt 

Von François Lelord
Penguin Verlag, 2025
208 Seiten, gebundenes Buch
ISBN 978-3-641-33456-7
Buch hier bestellen

Leseprobe Bin ich zu nett?

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