Buchcover: Die Kunst des Abschiednehmen
Die Kunst des Abschiednehmens

Die Kunst des Abschiednehmens: Den Tod zurück ins Leben holen

  • Beitrags-Kategorie:Bibliotherapie
  • Beitrag zuletzt geändert am:4. Dezember 2025
  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit
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Charlotte Wiedemann wagt etwas, wovor viele von uns zurückschrecken: Sie spricht vom Sterben, als wäre es ein Teil des Lebens. Nicht düster, nicht pathetisch, sondern mit einem warmen Realismus, der tröstet, gerade weil er nichts beschönigt. Ihr Buch Die Kunst des Abschiednehmens begleitet Leserinnen und Leser dorthin, wo wir selten hinschauen – an die Schwellen unseres Daseins, an die Orte, an denen etwas endet und etwas anderes beginnt.

Wiedemann schreibt als Death Doula, als jemand, der Menschen durch Übergänge begleitet – durch Sterben, Trennungen, Abschiede, Brüche. Und sie schreibt als erfahrene Journalistin, die weiß, wie man ein schweres Thema leicht genug macht, um es zu tragen, ohne ihm seine Tiefe zu nehmen. Sie verbindet Praxis und Haltung, Biografie und Gesellschaftsanalyse, intime Begegnungen und nüchterne Klarheit.

Der Tod als Teil des Lebens annehmen

Wiedemann führt uns beharrlich aus der kulturellen Sackgasse heraus, in der das Lebensende als Störung gilt. Sie beschreibt Trauer nicht als Defekt, sondern als menschliches Grundvermögen. Trauer ist für sie kein Problem, das es zu lösen gilt, sondern ein Raum, der Gestaltung verlangt – individuell, körperlich, ritualisiert.

Ihre Fallgeschichten in Die Kunst des Abschiednehmens zeigen, wie verschieden Menschen Abschiede erleben: abrupt oder langgezogen, rebellisch oder versöhnlich, sprachlos oder voller Erinnerungsarbeit. In allem steckt derselbe Kern: Wir können den Tod umgehen, aber nicht umgehen.

Vorbereitung als Akt der Selbstbestimmung

Überraschend nüchtern und zugleich wohltuend konkret ist Wiedemanns Plädoyer für rechtzeitige Vorbereitung. Nicht, weil es ein moralisches „Man müsste mal“ wäre, sondern weil Klarheit entlastet.

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Gespräche über Wünsche, die Wahl von Ritualen – all das beschreibt sie nicht als bürokratische Pflicht, sondern als erwachsenen Umgang mit dem eigenen Leben. Wir bereiten uns auf Geburten vor, auf Hochzeiten, auf Umzüge. Warum nicht auch auf das Ende?

Wiedemann argumentiert: Vorbereitung ist ein Geschenk. Für uns. Und für die, die bleiben.

Rituale, Nähe und die Schönheit kleiner Gesten

Das Buch Die Kunst des Abschiednehmens ist reich an Bildern. An Händen, die gehalten werden. An Erinnerungsobjekten, die eine Brücke schlagen, wenn Worte fehlen. An Momenten, in denen Menschen begreifen, dass Abschied ein körperlicher Vorgang ist: ein Blick, ein Atemzug, ein letzter Griff nach der Decke.

Besonders stark sind die Passagen zu Sternenkindern, zu Fehlgeburten, zu stillen Geburten – dort, wo Leben und Tod sich fast berühren. Wiedemann zeigt, wie Rituale Halt geben, wenn die Welt verrutscht.

Gesellschaftliche Sprachlosigkeit

Wiedemann scheut die großen Fragen nicht: Wie sterben wir eigentlich in Deutschland? Warum reden Familien nicht über das Ende? Warum fürchten wir den Tod, obwohl er allgegenwärtig ist?

Ihre Antwort ist unbequem: Wir haben eine Kultur des Verdrängens geschaffen. Eine Kultur, die Jugend feiert und Endlichkeit ausblendet. Doch Verdrängung schützt nicht. Sie bindet.

Wiedemanns Alternative: mehr Mut zum Gespräch, mehr ehrliche Auseinandersetzung, mehr Anerkennen dessen, was unausweichlich ist.

Die Parallele zur Geburt

Eine der schönsten Linien des Buches ist die Analogie von Geburt und Sterben. Beides sind Übergänge. Beides verlangt Begleitung. Beides fordert uns dazu auf, loszulassen, ohne gleichgültig zu werden.

Diese Perspektive nimmt dem Sterben sein Stigma. Es macht das Lebensende nicht leichter, aber verstehbarer.

Was bleibt

Am Ende dieses Buches bleibt kein beklemmendes Gefühl. Kein schwarzer Vorhang. Sondern ein stiller, klarer Mut.

Wiedemann zeigt, dass Abschied eine Kunst ist – eine, die wir lernen können. Ihr Buch wird zu einem Werkzeugkasten: voll mit Fragen, Impulsen, Beispielen, Checklisten und Reflexionsangeboten. Es ist Trostspender, Orientierungshilfe, Arbeitsbuch und poetische Erzählung zugleich.

Und es ist ein politisches Buch im besten Sinne: Es fordert eine Gesellschaft heraus, die sich erst dann für Endlichkeit interessiert, wenn sie da ist.

Die Kunst des Abschiednehmens: Wie wir einen neuen Umgang mit dem Sterben finden und uns rechtzeitig vorbereiten können

von Charlotte Wiedemann
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-424-63284-2
Erscheinungsjahr: 2024
Kategorie: Sachbuch / Sterben, Trauer, Lebensübergänge
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Leseprobe Die Kunst des Abschiednehmens

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